Der „Missing Link“ zwischen Folklore und Jazz

Jahrelang hat der Bonner Jazzhistoriker Rainer Lotz nach alten Aufnahmen von schwarzen Musikern in Europa gesucht. Seine spektakulären Funde veröffentlicht er nun in einer Box mit 44 CDs. 
 
 
 

Am Anfang klingt dieser Song wie viele andere in jener Zeit. Eine Männerstimme singt einen offenbar lustigen Text, der Klavierspieler lässt dazu im gängigen Ragtime-Stil seine linke Hand über die Tastatur hüpfen. Nach ein paar Strophen greift der Sänger zur Mundharmonika. Und dann geschieht etwas Bemerkenswertes – in das Mundharmonika-Solo mogeln sich Töne, die da eigentlich nicht hingehören, schräge, schiefe Klänge.

Es sind Töne, die ein paar Jahre später unter dem Namen Blue Notes Karriere machen werden. Doch als Pete Hampton diese Musik in den Trichter eines Phonographen bläst, weiß er nichts von Blue Notes. Es ist das Jahr 1904, und die Aufnahme entsteht nicht in Nordamerika, sondern in London.

Die Songs von Pete Hampton, dem Mundharmonika spielenden Sänger, sind nun zu hören auf der CD-Sammlung „Black Europe“, die der Bonner Jazzhistoriker und Schallplattensammler Rainer Lotz mit einem Team von Fachleuten herausgebracht hat. 44 CDs umfasst diese Mammutedition, die sich zum Ziel gesetzt hat, sämtliche Tonaufnahmen zu präsentieren, die schwarze Musiker in Europa gemacht haben – und zwar vor 1926, jenem Jahr, in dem das elektrische Mikrofon erfunden wurde, das den rein mechanischen Phonographen ablöste und somit Musikaufnahmen zur Massenware machte, die für jeden erschwinglich wurde. Nur auf den ersten Blick ist eine solche Edition ein musikalisches Kuriositätenkabinett. Denn diese Veröffentlichung dokumentiert ein spannendes und umfangreiches Kapitel der Musik- und Kulturgeschichte, das weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

„Das nannte man Nigger Song and Dance“

In den Jahrzehnten um 1900 hatte sich in den europäischen Großstädten unter den Begriffen Revue, Varieté oder Music Hall eine Form der Unterhaltungsshow etabliert, zu deren Programm meist auch eine Darbietung schwarzer Künstler gehörte. „Das nannte man Nigger Song and Dance“, erklärt Rainer Lotz, „oder auch Black and White, weil viele dieser Entertainer mit einer weißen Partnerin auftraten, was damals in den Vereinigten Staaten undenkbar war“.

Hunderte afroamerikanische Musiker und Tänzer tingelten also durch Europa, um diesen Bedarf an Exotik zu decken. Das Reisen war in jenen Tagen leicht in Europa, bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs brauchte man noch nicht einmal einen Pass. „Und der Rassismus war in Europa nicht annähernd so brutal wie in den Vereinigten Staaten“, sagt Lotz. Deshalb ließen sich viele der schwarzen Künstler dauerhaft in Europa nieder.

 

Während die Europäer also selbst noch Polka, Mazurka, Walzer und Rheinländer tanzten, ließen sie sich in den Vergnügungsstätten von mitunter wild aufspielenden Ensembles wie dem Ciro’s Club Coon Orchestra, den Versatile Four oder den Four Black Diamonds unterhalten. Eine Sängerin namens Belle Davis trat mit schwarzen Kindern auf, die sangen und Purzelbäume schlugen. Manche wie etwa die Bohee Brothers brachten es zu großem Ansehen.

Sogar Mitglieder der englischen Königsfamilie ließen sich von den Bohees das Banjo-Spiel beibringen. Doch die einzige aus dieser großen Unterhaltungstradition, deren Name man heute noch kennt, ist Josephine Baker. Ein Tänzer, der als Kind mit der Belle-Davis-Truppe nach Europa gekommen war, hatte Baker vermittelt.

Das fehlende Stück zwischen Folklore und Jazz

Josephine Baker mag zwar als erotisches Gesamtkunstwerk eine Sensation gewesen sein, einen Jazzfachmann bringen ihre Darbietungen allerdings nicht aus der Fassung. Spektakulär hingegen sind die älteren, um 1900 gemachten Aufnahmen etwa von Pete Hampton oder den Versatile Four. „Das sind Vorformen des Jazz“, sagt Rainer Lotz, „ein Missing Link zwischen Folklore und Jazz“, nach dem die Jazzhistoriker lange gesucht haben.

Dass diese musikalischen Übergangsformen ausgerechnet in Europa aufgefunden wurden, wundert Lotz nicht. „Die amerikanischen Jazzforscher hatten die Musiker, die nach Europa gegangen waren, einfach nicht mehr auf dem Radar“, sagt er. Dazu komme, dass es in Amerika kaum vergleichbare Aufnahmen gebe. „In den Vereinigten Staaten hatten schwarze Musiker in dieser Zeit oft keinen Zugang zu den Tonstudios“, erklärt Lotz. Außerdem sei die Musik der Schwarzen auch aus kommerziellen Gründen nur selten auf Wachswalzen oder Platten festgehalten worden. Denn die potenziellen Käufer dieser Musik waren ebenfalls Schwarze – und die hatten meist kein Geld für die teuren Abspielapparaturen.

Die Veröffentlichung der Aufnahmen und die umfangreiche Textsammlung, in der historische Zusammenhänge erschlossen, unglaubliche Lebenswege recherchiert und bizarre Geschichten erzählt werden, das ist im Grunde Rainer Lotz’ Lebenswerk. Lotz sammelt seit Jahrzehnten alte Tonaufnahmen, und in seiner 60.000 Platten und Wachswalzen umfassenden Sammlung befinden sich viele Aufnahmen der schwarzen Musiker in Europa. „Ich wusste außerdem von meinen Recherchen, dass es von diesen Musikern rund 2000 Aufnahmen geben muss“, doch die konnten überall in der Welt verstreut sein.

Alte Platten erklingen wieder

Vor vier Jahren machten sich Lotz und die beiden Briten Jeffrey Green und Howard Rye an die Arbeit. Sie schrieben rund 500 Sammler und Archive an auf der Suche nach Aufnahmen. „Rund 1500 haben wir gefunden“, sagt Lotz. Manche waren nicht mehr zu rekonstruieren, weil der Schellack der Platten beschädigt oder das Wachs der älteren Walzen von Pilzen zerfressen war. Doch immerhin rund 1250 Musikdokumente brachte der Toningenieur Christian Zwarg in erstaunlicher Qualität wieder zum Klingen.

„Black Europe“ – damit meint Lotz nicht nur die afroamerikanischen Musiker, die sich auf den Bühnen der europäischen Vergnügungsstätten verdingten. „Black Europe“ um 1900 – das sind auch jene Afrikaner, die aus den Kolonien der europäischen Staaten geholt wurden, um in zoologischen Gärten, auf Weltausstellungen und Volksfesten als lebendige exotische Ausstellungsstücke herzuhalten. Auch sie brachten ihre Lieder mit – und sangen sie in Phonographen-Trichter.

Mit den amerikanischen Vorformen des Jazz hat diese Folklore freilich nichts zu tun. Dennoch ist die gemeinsame Würdigung von Afroeuropäern und Afroamerikanern erhellend. Denn Lotz kann anhand einzelner Biografien nachweisen, dass es zwischen den beiden Gruppen einen regen Austausch gab.

Neue Karriere-Möglichkeiten für Afrikaner

Etwa nach dem Ersten Weltkrieg: Als es für Amerikaner schwieriger wurde, nach Deutschland zu kommen, nahmen oft Afrikaner aus den deutschen Kolonien deren Platz ein. Wer sich gestern noch als Feuerschlucker in einer reisenden Völkerschau verdingte, konnte schon morgen Schlagzeuger in einer Jazzband sein. Denn das Schlagzeug, das Jazzinstrument schlechthin, musste auch in Orchestern, in denen Weiße spielten, von einem Schwarzen bedient werden.

Der Jazz, so wollte es das europäische Publikum, sollte aus erster Hand geliefert werden. „Deshalb konnte vor 1933 kein Deutscher Jazz spielen“, erklärt Rainer Lotz. Dass sich das ausgerechnet änderte, als die Nazis die Bands der Schwarzen verboten und die deutschen Jazzfans gezwungen waren, selbst zu spielen – über diesen „Treppenwitz der Geschichte“ freut sich Lotz besonders.

Mehr Infos auf der Webseite von „Black Europe“.

„Black Europe“, die 44-CD-Box mit zwei reich illustrierten Büchern (Texte in englischer Sprache) und einer Index-CD ist erschienen beim Label Bear Family (www.black-europe.com), Subskriptionspreis bis 31. Dezember: 499 Euro

 

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